Zum Grübeln

Das könnte ich ja nicht

Trapo

Ein Satz, den man als Rettungsdienstler immer mal wieder hört, egal ob von Patienten, Angehörigen, Verwandten oder Bekannten. Grundlage ist dabei oft die fälschliche Annahme, dass unser Job überwiegend darin besteht, von einem dramatischen Verkehrsunfall zum nächsten zu fahren, ständig durch literweise Blut zu waten und immerzu mit dem Elend dieser Welt konfrontiert zu sein. Das mag vielleicht in Ansätzen auch so sein, zumindest was das Elend angeht. Aber zum einen gewöhnt man sich mit der Zeit daran, zum anderen ist man in diesem Job völlig falsch, wenn man nicht damit umgehen kann.

Was den Job jedoch, zumindest für mich, wirklich immer unattraktiver macht ist der fehlende Respekt mir und meiner Arbeit gegenüber. Dass wir viel zu oft nur als Taxi, Tragenträger oder Krankenwagenfahrer bezeichnet werden ist ja fast schon normal. Schließlich basiert auch der Name dieses Blogs darauf. Das ist zwar nicht schön, aber man redet leider gegen Windmühlen, wenn man mit den entsprechenden Personen darüber spricht.

Nur einige Beispiele aus den letzten Tagen:

Vor einigen Tagen fand in Koblenz der 5. deutsche interdisziplinäre Notfallmedizin Kongress (kurz DINK 2015) statt. Primär an die Ärzteschaft gerichtet, aber auch durchaus mit vielen Vorträgen und Workshops für Pflege- und Rettungsdienstpersonal. Im Rahmen dieses Kongresses fand auch eine „Get-together-Party“ auf einem Schiff statt. Da ich allein beim Kongress war und es nur Sechser-Tische gab sass ich irgendwann mit 5 mir fremden Personen am Tisch. So war es ja vermutlich auch gedacht. Es entwickelte sich eine recht lebhafte Unterhaltung, alle stellten sich kurz nacheinander vor. Die anderen 5 waren alle Ärzte. Dann kam ich an die Reihe. Als ich „gestand“, dass ich Rettungsassistent bin, plötzlich Stille am Tisch. Grillenzirpen in der Ferne, tumbleweed rollte durch den Gang. Man bemühte sich zwar recht schnell wieder, den peinlichen Moment zu beenden und wieder ins Gespräch zu finden, aber es war schon sehr offensichtlich, dass ich nicht mehr zu ihnen gehörte. Traurig sowas. Soviel auch zum Thema „get together“.

Anderes Beispiel: Notfalleinsatz, gemeldet ist eine Atemnot. Wir sind vor dem NEF vor Ort, beginnen mit der Anamneseerhebung und Versorgung des Patienten. Als das NEF eintrifft ist der Patient bereits voll verkabelt, erhält Sauerstoff und wir suchen gerade nach einem Zugang. Der Notarzt, für seine Coolness und Arroganz bekannt, hat auch noch eine „Praktikantin“ dabei, vor der er sich natürlich profilieren muss. Gegrüßt wird erst gar nicht, auch eine Übergabe will er von uns nicht haben. Er wendet sich lieber direkt an den Patienten und befragt diesen erneut, obwohl dieser ja eh schon Probleme mit der Luft hat. Aber eine 80er Sättigung kann man natürlich noch weiter in den Keller treiben. Für uns bleibt nur ein „Ihr könnt schon mal den Stuhl holen!“. Nachdem wir den Patienten zu uns in den RTW gebracht haben (Anpacken war für den Doc natürlich auch völlig undenkbar) nur ein kurzer Kommentar vom Doc: „Wir kommen hier hinten schon klar!“ Und mit diesen Worten schlägt er auch schon die Hecktür zu. Vor den Augen des Kollegen und meiner Wenigkeit. So fahren wir also zum Krankenhaus. Ich brauche eigentlich nicht zu erwähnen, dass durch den Notarzt keinerlei medikamentöse oder anderweitige Therapie stattfindet.

Im Krankenhaus angekommen stiefelt der Doc mit stolz geschwellter Brust auf den Aufnahmetresen zu, wo von ihm aber natürlich zuerst einmal die Versichertenkarte verlangt wird. „Ach, die muss ich jetzt im Auto vergessen haben!“. Ich gehe also zum RTW zurück und finde Versichertenkarte, Marcumar-Ausweis und Medikamentenplan des Patienten auf dem Boden verstreut  neben dem RTW. Direkt vor dem Haupteingang der Klinik wohlgemerkt. Da war wohl jemand von seiner Praktikantin so abgelenkt, dass er selbst auf den Papierkram nicht aufpassen konnte. Und unnötig zu erwähnen, dass er mit uns kein einziges Wort mehr wechselte, geschweige denn sich verabschiedete. Das mit der Teamarbeit müsste man ihm auch nochmal näher bringen. Das nächste Mal, wenn ich weiß dass er auf dem NEF sitzt bestelle ich es definitiv ab. Hilfe erhält der Patient von ihm ja eh nicht. Und ich hab sonst danach gleich wieder 200 Puls!

Beispiel Nummer 3: Wir stehen mit mehreren Kollegen, alle in Dienstkleidung, vor den Fahrzeughallen, rauchen und quatschen. Ein Mann kommt auf uns zu, mustert uns und fragt schließlich: „Sie sind nur Krankenwagenfahrer, sie gehören nicht zu den Johannitern, oder?“ Was geht in den Köpfen solcher Menschen vor? Kann mir das jemand verraten?

Das Beitragsbild lässt es auch schon erahnen: Die Transportscheine sind ebenfalls immer wieder ein leidiges Thema. Gerade die Hausärzte bzw deren Personal verstehen es bestens, die Scheine falsch auszufüllen, egal wie oft man sie bemängelt. Leider aber auch innerklinisch, obwohl man es da ja eventuell besser wissen könnte. Medizinisch-fachliche Betreuung notwendig? Quatsch, ist doch nur ein dummer Krankentransport. Dann bestell doch direkt ein Taxi!!! Wir sind ausgebildetes Fachpersonal und wenn man einen Kranken- oder Rettungswagen bestellt hat dort gefälligst „Ja“ angekreuzt zu sein. Ist das wirklich so schwer???

Und letztlich wären da noch die Kollegen anderer Hilfsorganisationen, die meinen sie wären etwas besseres und es noch nicht einmal für nötig halten zu grüßen. Nur weil man vielleicht bei der HiOrg arbeitet, die in unserem Bundesland mit Abstand am stärksten vertreten ist, hat man sicher nicht mehr Privilegien. Wir machen alle den gleichen Job! Aber wenn ihr unbedingt meint macht euch einfach weiter lächerlich.

Aber bevor jetzt wieder böse Kommentare kommen: Ja, es gibt natürlich auch mehr als genug fähige und nette Ärzte und Pflegepersonal, bei denen alles reibungslos funktioniert. Und natürlich gibt es auch in den eigenen Reihen mehr als genug Beispiele, die unseren Berufsstand nicht wirklich kompetent dastehen lassen. Nur gerade in der letzten Zeit überwiegen (mal wieder) die negativen Erlebnisse, die einen so demotivieren. Und das sind die Dinge, die einem den Spaß an der Arbeit wirklich vermiesen. Die Patienten können schließlich (zumindest meistens) nichts dafür.