Kampagnen Zum Grübeln

Die Würde des Menschen…

Foto: willma... / photocase.de

Was das Thema Gesundheit angeht gibt es momentan in den Medien eigentlich nur zwei Themen: Ebola und Sterbehilfe. Auf das Thema Ebola will ich gar nicht weiter eingehen. Dass unser Gesundheitsminister Hermann Gröhe meint, unser Land wäre für Ebola-Patienten in ausreichender Form gewappnet sagt eigentlich schon alles. Wir kriegen ja noch nicht einmal Krankenhauskeime wie MRSA in den Griff! Aber das ist ein anderes Thema.

Was mich jedoch in den letzten Wochen wirklich zum Grübeln bringt ist das Thema Sterbehilfe. Egal ob die Frankfurter Buchmesse oder Sendungen wie Maybritt Illner, Aspekte oder Günther Jauch, das Thema ist derzeit allgegenwärtig. Die Begrifflichkeiten sind dabei noch recht schwammig und sorgen immer wieder für wilde Diskussionen. Aktive Sterbehilfe, Beihilfe oder passive Sterbehilfe, es ist ein heikles Thema.

Es gibt Menschen, die befürworten die Sterbehilfe, andere sind strikt dagegen. Und oft wird das Thema auch mit der Würde des Menschen bzw einem würdevollen Ende in Verbindung gebracht. Auch wenn schon das Grundgesetz sagt, dass unsere Würde unantastbar ist, überlegt sich der ein oder andere doch zwei mal, bis zu welchem Punkt das Leben für ihn noch würdevoll und lebenswert ist. Die einen wollen Sterbehilfe bei unheilbaren Krankheiten oder massivsten Schmerzen in Anspruch nehmen, andere möchten selbstbestimmt gehen, wenn sie sich nicht mehr selbst versorgen können und von anderen gepflegt werden müssen.

In dieser Hinsicht hat unser ehemaliger Vize-Kanzler Franz Müntefering eine ganz eigene Meinung, die er auch verteidigt und die mich fast zum platzen bringt. Aber jedem seine eigene Meinung. Er hat seine, ich habe meine. Seiner Meinung nach hat die Würde des Menschen nichts damit zu tun, ob er sich selbst den Hintern abwischen kann oder nicht. Mehr noch: Der Wunsch, nicht als Pflegebedürftiger zu enden wäre eine Zumutung für viele Menschen, sowohl Pflegebedürftige als auch das pflegende Personal. Zitat:

„Die Botschaft […] an die die pflegen, an die die Hospiz- und Palliativdienste machen muss ganz klar sein: Eure Arbeit ist ganz wichtig; ihr helft jedes Jahr hunderttausenden von Menschen, dass sie sterben können, so wie Menschen sterben wollen und sollen.“

(Franz Müntefering am 19. Oktober in der Sendung „Günther Jauch“)

Ich weiß, dass er seine Frau an den Krebs verloren hat, was mir auch sehr leid tut. Ich bezweifle jedoch auch, dass seiner Frau die „normale“ Behandlung und Pflege zuteil wurde, wie sie heutzutage leider viel zu oft auftritt.

Keine Frage! Das Pflegepersonal macht einen bemerkenswerten Job, weshalb es auch unseren vollsten Respekt verdient haben. Nur leider hat deren Arbeit oft nicht mehr viel mit Pflege zu tun. Patienten sind Fallnummern, Personal wird gekürzt wo es nur geht, dafür wird die Arbeit immer mehr. Die von Herrn Müntefering angepriesenen Palliativ- und Hospizplätze sind rar gesäht und nur für einen kleinen Bruchteil der Bevölkerung vorhanden. Die normalen Krankenhäuser und Pflegeheime sind oft unterbesetzt, das Personal in viel zu vielen Fällen ausgebrannt.

Wenn nachts eine einzelne examinierte Schwester bzw Pflegerin für 30, 40, 50, 60 Patienten zuständig ist kann das nicht mehr viel mit Pflege auf der einen Seite und einem würdevollen Leben auf der anderen Seite zu tun haben. Wenn ich als Heimbewohner stundenlang in meinen Exkrementen liegen muss, weil die Pflege völlig überfordert ist und keine Zeit hat, mich frisch zu machen. Wenn Bewohner mit kardialer Vorgeschichte und jetzt akuten Brustschmerzen und Atemnot von der Nachtschwester vertröstet werden, das würde ja bestimmt gleich wieder besser werden, und nach einer Stunde Wartezeit dann mit RTW und Notarzt ins Krankenhaus kommen. Wenn es oft schon an der Tagesordnung ist, dass die Patienten und Bewohner fixiert und ruhig gestellt werden, weil man zu wenig Personal und noch weniger Zeit hat. Dann, und genau dann, erkläre man mir mal bitte, wo da die Würde geblieben ist! Und Aussagen wie „Man kann das Leben nicht in lebenswert und nicht lebenswert kategorisieren“ lassen mich nur den Kopf schütteln.

Ich bzw meine Familie musste in den letzten Wochen mit ansehen, wie meine Großmutter fast 5 Wochen lang elendlich zugrunde gegangen ist. Eine ehemals stolze, herzensgute und gläubige Frau, die in ihren über 90 Jahren so einiges mitgemacht hat, 70 Jahre verheiratet war und alles für ihren Mann, ihre Kinder, Enkel, Urenkel und auch alle anderen getan hat. Eine Frau, die man zum Schluss nicht mehr wieder erkannt hat. Entweder desorientiert mit massivsten Schmerzen oder eben sediert, damit sie nicht so offensichtlich leiden muss. Und dann fragt einen der Großvater, warum seine arme Frau am Ende noch so massiv leiden muss. Sie hätte doch nichts böses getan.
Nein. Ein solches Ende verdient niemand. Und es hat meiner Meinung nach auch nicht mehr das geringste mit Würde zu tun, auch wenn die Pflegekräfte ihr bestes gaben. Aber laut Herrn Müntefering sollen und wollen wir ja so sterben. Ja, genau.

Den Menschen, die solche Aussagen treffen, empfehle ich erst einmal ein paar Schichten in einem Krankenhaus oder Pflegeheim zu hospitieren, damit sie überhaupt eine Ahnung davon bekommen, wie es dort wirklich aussieht. Wie ausgebrannt und hilflos die Pflegekräfte sind. Und wie „würdevoll“ es in manchen Pflegeheimen zugeht.

So, das waren meine 2 Cent zu diesem Thema.

 

Beitragsbild: willma… / photocase.de

  1. Hi,

    ich sehe das zwiespältig.

    Die erste Frage die sich mir da stellt ist, ob ein „Weglaufen“ vor der kaputtgesparten Pflege der richtige Weg ist. Ich meine: Nein. Denn zumindest die Pflege im Krankenhaus ist für die noch vom Sterben weit entfernten Patienten genauso schlecht.
    Hier muss die Lösung also sein, dass die Pflege wieder Menschenwürdig wird und die Würde nicht durch Sterbehilfe aufrecht erhalten wird. Das gleiche gilt eben für Hospiz- und Palliativ-Plätze.

    Die zweite Frage die sich mir in der Diskussion stellt ist, wie man ein Ausufern der Sterbehilfe wirksam verhindern kann.
    Es wird sehr schnell Diskussionen geben, was denn mit der Würde für Patienten ist, die keine Patientenverfügung haben. Ob man dann nicht auch den „Mutmaßlichen Willen“ z.B. nach Aussagen von Angehörigen zählen lassen muss.
    Und wie verhindert man, dass die Oma mehr oder weniger sanft von den Vorzügen der Sterbehilfe überzeugt wird, damit der Pflegeplatz das Erbe nicht so sehr schmälert?
    Was ist mit depressiven Patieten, deren Wunsch zu sterben da ist, die aber behandelbar wären? Ist nicht auch ein Zwang zur Behandlung ein Verstoß gegen die Menschenwürde und wäre nicht der Wunsch zu Sterben zu achten?
    Wie sieht der Fall des Häftlings in Belgien aus? Vermutlich nicht heilbare Pädophilie, er leidet drunter, eingesperrt zu sein. Führt man hier nicht die Todesstrafe durch die Hintertür wieder ein? Ich bin sicher: Durch entsprechende Haftbedingungen und Einflußnahme kann man bei vielen Häftlingen einen Wunsch zu Sterben fördern.

    Andererseits gibt es sicher viele Patienten, die das sehr klar für sich abwägen und entscheiden können, aber keine Möglichkeit für einen „sauberen“ Suizid haben. Denen die Möglichkeit vorzuenthalten ist sicher auch nicht der richtige Weg.

    Ein wirklich schwieriges Thema

    • Natürlich ist „Weglaufen“ nicht die beste Lösung. Aber solange dermaßen an der Pflege gespart wird und sich an den Zuständen nichts ändert ist das meiner Meinung nach noch die gescheiteste Lösung.

      Aber wo man da die Grenzen zieht ist in der Tat ein sehr schwieriges Thema. Wer darf Sterbehilfe in Anspruch nehmen und wer nicht? Schwierig, schwierig.

  2. Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber eine Höllenangst vor dem Sterben. ‚Wieso darf ich als mündige Bürgerin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte nicht entscheiden, wann und wie ich gehen möchte?
    Meine Hunde darf ich einschläfern lassen, wenn sie sich quälen. Und bei geliebten Menschen soll ich tatenlos zuschauen, weil es verboten ist? Und weil ich nicht weiß, wie ich helfen könnte?
    Ja, es ist schwierig, dieses Thema. Aber diese Angst vor Missbrauch, die empfinde ich als „deutsche Spezialität“. Einführung der Todesstrafe durch die Hintertür? Kostenersparnis im Gesundheitswesen? Euthanasie? Was geht da in deutschen Köpfen ab? Woher kommen diese Ängste? Ja, die Antwort kenne ich auch.
    Meine Hunde schläfert der Tierazt auch nur nach sorgfältiger Diagnose ein, wenn das Tier austherapiert ist, und nicht , wenn ich sage: ich hab da keine Lust mehr drauf.
    Ich bin Justizbeamtin. Unsere Gesetze zum Schutz des Lebens reichen aus. Unsere Gesetze zum Schutz des Sterbens auf eigenen Wunsch nicht.

    • Deine Höllenangst vor dem Sterben teile ich. Zumal ich gerade mit ansehen muss, wie innerhalb von wenigen Wochen ein zweites Familienmitglied elendlich zugrunde geht.
      Darüber hinaus wurde bei unserem Hund ein irreparabler Tumor festgestellt. Zitat meiner Mutter: „Da kann man wenigstens ein Ende setzen, wenn es nötig wird.“ Wie wahr, wie wahr.

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