Zum Grübeln

Die Not mit der Pflege, Teil 2

Wir erinnern uns: Da liegt nun also eine arme Frau mit einer eröffneten Achillessehne in der Notaufnahme, die bei jeder größeren Bewegung des Fußes „lustig“ aus der Ferse springt. Ein Zustand, der natürlich nicht so bleiben konnte.

Und so kam es, dass meine Oma recht schnell auf dem OP-Plan landete. Mit 91 Jahren, Diabetes und unter Xarelto-Therapie, was man aber alles in Kauf nehmen musste, um einer drohenden Blutvergiftung entgegen zu wirken. Zwei Tage später war es dann soweit. OP unter Vollnarkose, bei der letztlich ein Großteil der Achillessehne entfernt werden musste. Die OP an sich verlief zwar gut, nur dummerweise trat bei meiner Oma ein, was bei vielen älteren Menschen nach einer Operation passieren kann. Sie entwickelte ein Durchgangssyndrom/Delir und aus einer vorher noch völlig orientierten rüstigen und ruhigen Dame wurde von jetzt auf gleich eine völlig verwirrte, halluzinierende, und pflegebedürftige Patientin. Erschwerend hinzu kam noch die paradoxe Wirkung des eigentlich zur Beruhigung eingesetzten Tavors, wodurch meine Großmutter hyperaktiv wurde. Bei einer Wunde mit Vakuumpumpe, Zugang etc eher kontraproduktiv.

Erklären Sie das mal nebenbei einem 92-jährigen Ehemann, der rund 70 Jahre mit einer Frau verheiratet ist, die jetzt kaum wieder zu erkennen ist. Ein schwieriges Unterfangen. Sehr schwierig.

Nichts desto trotz ging es weiter. Da bald der erste Verbandswechsel anstand, äußerst schmerzhaft werden würde und man zudem noch einmal eine Wundresektion durchführen wollte kam es zu OP bzw Vollnarkose Nummer 2. Die OP lief auch dieses mal gut. „Sinnigerweise“ stellte man zur Beruhigung von Tavor auf Diazepam um, sprich der unvermeidliche Supergau trat ein. Ähnliche Symptomatik wie nach der ersten Operation, nur um ein vielfaches massiver. So zog sich meine Großmutter unter anderem alles, was sie nur ziehen konnte (Zugang, Blasenkatheter und Vakuumpumpe). Das Pflegepersonal war mit der Situation recht schnell überfordert und kapitulierte letztendlich. Meine Eltern wurden um Hilfe gebeten und man beschloss (seitens der Klinik), die arme Frau zur besseren Versorgung und zu ihrem eigenen Schutz auf eine geschlossene Psychiatrie zu verlegen. Bis zum bevorstehenden Transport versprachen wir, das Pflegepersonal zu entlasten und selbst bei meiner Oma „Wache“ zu halten, damit nicht noch mehr passieren würde. Und auch wenn ich mich wiederhole: Erklären sie das mal ihrem Ehemann.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich früher [sic] (lang lang ist es her) als Zivi auf einer inneren Station eines anderen Krankenhauses öfter mal „Wachdienst“ absolvieren musste und auf Patienten aufpasste, die besondere Aufmerksamkeit bzw Betreuung benötigten. Dies entlastete zum einen das reguläre Pflegepersonal, sorgte aber auch dafür, dass ich mit den verschiedensten Menschen in Kontakt kam und, gerade frisch aus der Schule kommend, einiges an Menschenkenntnis dazu gewann. Für beide Seiten also ein absoluter Benefit und etwas, was mit dem heutigen Personalschlüssel bzw dem aktuellen Pflegenotstand anscheinend undenkbar geworden scheint.

Als ich also als erste „Wache“ im Krankenhaus erschien und die geschlossene Zimmertür meiner Oma öffnete (sie lag allein im Zimmer, wohlgemerkt aber direkt gegenüber vom Schwesternzimmer), lag sie, nur mit einem OP-Hemdchen bekleidet, in einer großen Pfütze (Wasser) mitten im Zimmer. Irgendwie hatte sie es geschafft, über die Bettgitter zu steigen. Ich rief nach einer Schwester und innerhalb von Sekunden standen gleich mehrere bestürzte Schwestern und Pfleger im Raum, die sich sofort kümmerten. Ihr Bett wurde frisch bezogen, die arme Frau mit mehreren Mann wieder ins Bett gelegt und eine Ärztin untersuchte sie kurz auf Verletzungen. Zum Glück ohne Befund.

Kurze Zeit später dann die Verlegung per KTW zur Psychiatrie. Dort verblieb sie rund eine Woche. Und auch wenn ihr Zustand auch hier immer wieder schwankte, war von Hyperaktivität oder ähnlichem keine Rede mehr. Von daher erfolgte nach einer Woche die Rückverlegung, um die Wunde weiter zu versorgen.

Und auch wenn wir eigentlich beschlossen hatten, wenn irgendwie möglich jede weitere OP zu vermeiden, war eben dies nicht machbar, da die Wunde noch einmal gesäubert, mit einer neuen Vakuumpumpe versorgt und die letzten Reste der Sehne entfernt werden mussten. Da man jedoch die Medikation umstellte verlief das anschließende Delir weitaus glimpflicher wie die vorangegangenen.

Mittlerweile ist das Thema Krankenhaus Geschichte. Und trotzdem hat der aktuelle Zustand kaum noch etwas mit dem Leben vor dem Krankenhausaufenthalt zu tun. Dazu aber mehr im nächsten Teil.

 

 

  1. Wann kommt Teil 3? 😉

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