Zum Grübeln

Patientenverfügung und Sterbehilfe

Wie man an der gestrigen Sendung von „Hart aber fair“ mit dem Thema „Die letzte Freiheit – wie verbindlich darf man das Sterben regeln?“ (Sendung als WebTV hier anschauen) gesehen hat, liegt gerade was die Patientenverfügung angeht noch einiges in einer rechtlichen Grauzone.

Nach wie vor ist nicht genau geklärt, wie verbindlich diese Verfügungen sind, wann sie genau anzuwenden sind, welche Formulierungen genau erlaubt sind, etc. Also selbst wenn man eine solche Patientenverfügung abgeschlossen hat heißt das noch lange nicht, dass sie auch von den behandelnden Ärzten befolgt wird / werden muss.

Dies habe ich selbst schon erlebt. Es liegt schon ein paar Jahre zurück, damals arbeitete ich noch in einem anderen Rettungsdienstbereich. Wir wurden alarmiert zu einem Notfalleinsatz, RTW und NEF, Reanimation in einer Dialyse-Praxis. Bei unserem Eintreffen nach rund 3 Minuten Fahrtzeit war die Patientin schon intubiert und nach gut 15 mg (!!!) Adrenalin (durch den Dialyse-Arzt) war dann auch wieder ein Kreislauf vorhanden. Wir brachten die Patientin ins Krankenhaus auf Intensiv, wo man uns ganz verwundert anguckte. Was wir da wohl genau machen würden, fragte man uns. Die Patientin hätte eine Patientenverfügung, die genau besagte, dass keinerlei invasive Maßnahmen mehr durchgeführt werden sollten. Davon hatte man uns bei der Dialyse natürlich nichts gesagt, obwohl dies dort bekannt war. Sie sollte eigentlich am Morgen auf Normalstation verlegt werden, um dort in Ruhe zu sterben. Der Arzt der Dialyse hätte aber durchgesetzt, dass sie noch einmal dialysiert wird, wofür sie dann wohl doch etwas zu schwach war. Sie ist dann nur wenige Stunden später dann wirklich verstorben.

Dem Bundestag liegen schon länger 2 unterschiedliche Gesetzesentwürfe vor, die die Umsetzung, Reichweite und Verbindlichkeit solcher Verfügungen regeln sollen. Welche davon den Zuschlag erhält bzw wann diese dann umgesetzt werden steht aber noch in den Sternen.

Will man eine Patientenverfügung aufsetzen, sollte man die folgenden Punkte beachten:

  • möglichst keine allgemein gehaltenen Formulierungen wie etwa „erträgliches Leben“ verwenden. Besser genau festlegen, unter welchen konkreten Bedingungen eine Behandlung nicht begonnen oder fortgesetzt werden darf.
  • um auf Nummer Sicher zu gehen sollte man sich fachkundige Hilfe holen, zum Beispiel den Arzt seines Vertrauens, damit bei der Formulierung keinerlei Missverständnisse entstehen können.
  • es gibt Vordrucke, die dem neuesten medizinischen und rechtlichen Stand entsprechen. Wenn man diese verwendet sollte man nichts streichen oder hinzufügen.
  • die Patientenverfügung sollte regelmäßig überprüft werden, damit diese immer auf dem aktuellen Stand ist.
  • im Idealfall fügt man der Patientenverfügung noch eine Vollmacht bei für eine Person, die die eigenen Wünsche im Bedarfsfall auch durchsetzt.

Weitere Links zum Thema findet man auf den Seiten der Sendung.

Man kann wirklich nur hoffen, dass es bald eine Regelung gibt, die auch von jedem akzeptiert wird.

  1. Ich finde das auch ein ganz schwieriges Thema.
    Allerdings wurde in der Rechtskunde in der Ausbildung vermittelt, dass eine Patientenverfügung im Rettungsdienst keine Relevanz hat, da ich als RDler nicht prüfen kann, ob die Verfügung rechtlich OK ist und ob die auch wirklich vom Patienten stammt.

  2. In dem geschilderten Fall, hätte der dialysierende Arzt eigentlich den Willen und die Verfügung respektieren müssen. Anders siehts aus beim Notfall. Hier gehts ja um Zeit, und da kann man sich schlecht um Verfügungen kümmern, mal abgesehen davon, dass ich den Patienten persönlich kenne. Das dürfte aber eher die Ausnahme sein.

  3. Also ich denke für uns RDler hat so eine Verfügung eh keinerlei Relevanz, da es, neben dem zeitlichen Aspekt, nicht in unserer Macht liegt, über Leben oder Tod eines Patienten entscheiden zu dürfen.
    Das kann und darf einzig und allein der Schriftgelehrte, sprich NA, genauso wie bei der Rea auch.

    @chefarzt: Natürlich hätte der Dialyse-Doc den Willen der Patientin respektieren müssen. Aber ich denke der war leider einzig und allein auf die Kohle aus, die ihm die Dialyse noch gebracht hat. Armes Deutschland kann man da nur sagen 🙁

  4. Das ist ein schwieriges Thema.
    Vor einigen Jahren hatte meine Familie auch die Entscheidung über Leben und Tod zu treffen als meiner Oma nach langjähriger Diabetes, Dialyse, arteriellen Verkalkungen und Stent doch noch hätten die beiden Beine amputiert werden sollen. Früher hatte sie mitgeteilt das sie ohne Beine nicht leben möchte, doch schriftlich war das nirgends festgehalten und durch die Medikamente die sie bekam war sie nicht mehr in der Lage das selbst zu entscheiden. Wir haben dann nach ihrer Anweisung gehandelt.

  5. Ja, ein wirklich schwieriges Thema. Meine bessere Hälfte hatte festgelegt, dass er nicht reanimiert werden möchte. Tja, der Notarzt tat es aber, ich hatte in dem Moment auch keinen Kopf und alles andere hätte ich „spontan“ auch für Irrwitz gehalten. Situationsbedingt, hatte war ich vorweg ohnehin selbst angefangen ihn zu beatmen und machte Herzdruckmassage bei ihm. Ein Reflex. So unverhofft kommt einem das vorab Festgehaltene nicht ansatzweise in den Sinn.
    Nun, im Koma liegend und das Überleben in Frage gestellt, entschied ich auf die Frage, wie im Falle einer erneut nötigen Reanimation zu reagieren sei im Sinne der besseren Hälfte.
    Heute, zwei Jahre später zwar schwerbehindert ABER und das ist das Schlimme an der Sache, ist er froh überlebt zu haben. „Um jeden Preis“ und da habe ich dann meine Mühe mit und bin froh, dass eine weitere Reanimation oder lebenserhaltende Massnahmen nicht notwendig gewesen sind. Sicher hätte ich in dem Fall nie erfahren, dass er sich umentschieden hat aber das macht nach zwei Jahren immer noch richtig Bauchweh!

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